Merkantile Wertminderung

Was bedeutet merkantile Wertminderung?

Nach einem Autounfall kommt es trotz einer anschließenden technisch fehlerfreien Reparatur zu einer Minderung des Fahrzeugwertes – schließlich achten gerade wir Deutschen fast schon penibel darauf nur „unfallfreie“ Fahrzeuge zu kaufen. Das Auto erzielt damit also im Falle eines Verkaufs einen geringeren Preis als bei einem vergleichbaren unfallfreien Auto. Diese sogenannte merkantile Wertminderung ist eigentlich nur theoretisch – sie ergibt sich allein durch die Tatsache eines Unfalls, weil der Käufer in der Regel einen Gebrauchtwagen ohne Unfall bevorzugen würde, auch wenn das Fahrzeug keine erkennbaren Schäden mehr vorweisen kann.

Möchte man den Wertverlust errechnen, konzentriert man sich im Wesentlichen auf das Alter des Fahrzeuges und auf die Höhe der Reparaturkosten, die das Ausmaß des Schadens anzeigen. Man muss jedoch ausdrücklich darauf hinweisen, dass sämtliche Berechnungsmethoden nur eine Grundlage für die letztendliche Schätzung des Sachverständigen darstellen. Es ist vor allem das Wissen und die Erfahrung des Gutachters in Bezug auf den Autotyp, seine Gängigkeit und den lokalen Markt, das dem reparierten Auto seinen neuen Wert zuweist.

 

Faustformel

Bevor auf die verschiedenen Berechnungsmodelle eingegangen wird, erläutern wir kurz die Faustformel, die gerne als allgemeine Richtlinie verwendet wird. Sie geht nach Betriebsjahren. Im ersten Betriebsjahr beträgt der merkantile Minderwert 25% der Reparaturkosten, im zweiten 20%, im dritten 15% und im vierten 10%. Die Faustformel ist richtungsweisend, kann aber nicht als letztendlicher Wert herangezogen werden, da sie dafür zu ungenau ist.

 

Ruhkopf-Sahm-Verfahren

Unser Unternehmen berechnet den merkantilen Minderwert in den meisten Fällen mit dem Ruhkopf-Sahm-Verfahren. Es wurde vom Bundesgerichtshof geprüft und wird ausdrücklich empfohlen. Folgende Komponenten werden dabei berücksichtigt:

  • Neupreis
  • Zeitwert (Veräußerungswert)
  • Alter des Fahrzeuges
  • Gesamtreparaturkosten

Der Neupreis ist der Preis, den man bei einem Neukauf eines Fahrzeugs desselben Typs bezahlen müsste.

Der Zeitwert oder der Veräußerungswert hingegen ist der Preis, den der Händler nach einer Reparatur als neuen Kaufpreis für das unfallgeschädigte Auto festlegen würde. Wenn die Werkstatt nun so gut repariert hat, dass das Fahrzeug aufgewertet wurde, also hochwertiger ist als vor dem Unfall, kann der Minderwert stark verringert werden. Der merkantile Minderwert ist sozusagen der Differenzbetrag, um den der Wert des Fahrzeugs sinkt.

 

Die Berechnung nach Ruhkopf-Sahm beinhaltet zwei Ausnahmen:

1.) Ist das Verhältnis zwischen Reparaturkosten und Zeitwert zu gering, dann spricht man von einem Bagatellschaden. Es bedeutet, dass der Schaden zu klein ist und der Weiterverkaufswert nur geringfügig abweicht. Hier wird keine Wertminderung vorgenommen.

2.) Im zweiten Fall ist das Verhältnis von Zeitwert zu Neupreis zu gering (< 40%). Es bedeutet, dass der Unterschied zwischen dem aktuellen Preis für ein unfallfreies Fahrzeug desselben Alters und einem nicht unfallfreien durch Alter und Einsatz schon angeglichen ist, so dass eine „tatsächliche“ Wertminderung nicht mehr in Betracht kommt.

 

Abgesehen davon gelten folgende Annahmen für Reparaturkosten im Verhältnis zum Zeitwert:

Merkantile Wertminderung Ruhrkopf-Sahm

Das Ruhkopf-Sahm-Verfahren benötigt insgesamt nur wenige Angaben zur Berechnung des Minderwertes. In die Schätzung des Zeitwerts fließen das Wissen und die Erfahrung des Sachverständigen ein. So gewährleistet die Formel, dass eine Schätzung vorgenommen werden kann, die dem aktuellen Markt entspricht.

 

Methode nach Dipl.-Ing. Halbgewachs

Diese Methode rechnet mit:

  • Neupreis
  • Veräußerungswert
  • Alter des Fahrzeuges
  • Gesamtreparaturkosten
  • Arbeits (Lohn-)kosten, Materialkosten

Der große Unterschied zu den vorherigen Modellen ist die Einrechnung der Arbeits- und Materialkosten.

Merkantiler Minderwert Formeln Halbgewachs

Im Übrigen gelten dieselben Ausnahmen wie bei Ruhkopf-Sahm. Diese Methode wurde lediglich entwickelt, um einige Fehler des Ruhkopf-Sahms-Verfahrens zu beheben.

Allerdings ist dies nur teilweise gelungen und die Formel führt zu vielen anderen Fehlern. Sobald der Schaden beispielsweise in finanziell kostspieligere Regionen fällt, wird der Minderwert unangemessen hoch. Aus diesem Grund wurde die Formel mehrmals geändert und mehr und mehr an Ruhkopf-Sahm angepasst.

 

Noelke Noelke

Die Berechnung nach Noelke Noelke orientiert sich an Ruhkopf-Sahm und Dr. Halbgewachs. Bei dieser Methode wird die Mehrwertsteuer nicht herausgerechnet und der Faktor X wird nicht einer Tabelle entnommen, sondern anhand empirischer Grundlagen in einer eigenen Formel berechnet.

Noelke Noelke gilt heute als überholt, denn einerseits fehlt die obere Begrenzung von X, was zu nicht verwendbaren Ergebnissen führt und andererseits wurde die Formel anhand der Tabelle von Halbgewachs entwickelt und war mit Neuauflage der Tabelle bereits veraltet.

Bremer Formel (1970)

Das Bremer Modell ist einfacher gehalten als bei Ruhkopf-Sahm und Dr. Halbgewachs. Hier spielt lediglich das Fahrzeugalter und die Reparaturkosten eine Rolle. Ist das Fahrzeug erst ein halbes Jahr alt, beträgt der merkantile Minderwert 30% der Reparaturkosten. Die genaue Staffelung findet sich in der Tabelle.

Fahrzeugalter Minderwert in % der für die Bemessung erheblichen Reparaturkosten
bis 6 Monate 30 %
bis 12 Monate 25 %
bis 24 Monate 20 %
bis 36 Monate 15 %
bis 60 Monate 10 %

Hamburger Modell (1981)

Das Hamburger Modell setzt sich aus den beiden Komponenten Betriebsleistung und Reparaturkosten zusammen. Wurde der PKW beispielsweise 20.000 km gefahren, dann beträgt der merkantile Minderwert 30% der Reparaturkosten. Bei 100.000 km liegt er bei 0% der Reparaturkosten.

Die verwendeten Werte sind hier – ebenso wie bei der Bremer Formel – so einfach und ungenau definiert, dass der ermittelte merkantile Minderwert keinesfalls dem Markt entsprechen kann. Der Veräußerungswert findet beispielsweise überhaupt keine Berücksichtigung. Damit sind beide Modelle hinfällig und werden nicht verwendet.

 

Kasseler Modell

An Ruhkopf-Sahm orientiert sich auch das Kasseler Modell. Es ist nach einem Urteil des Amtsgericht Kassel benannt und eine Methode, die nur regional und nicht deutschlandweit verwendet wird. Der einzige Unterschied liegt hier im Fehlen der Ausnahmeregelung – das bedeutet, dass selbst bei einem Bagatellschaden eine (wenn auch sehr geringe) Wertminderung vorgenommen wird.

 

Beschlüsse des 13. Deutschen Verkehrsgerichtstages

1975 äußerte sich der Deutsche Verkehrsgerichtstag zu dem Problem der Berechnung des Minderwertes, da sich die Entwicklung einer einheitlichen und immer passenden Formel als sehr schwierig erwies.

Es wurde festgestellt, dass „bei Einfachschäden an Fahrzeugen, die älter als 5 Jahre sind oder bis zum Unfall eine Betriebsleistung von mehr als 100 000 km hatten“ kein Minderwert berechnet werden soll. Zudem sei bei „Nutzfahrzeugen (…) nur ausnahmsweise“ eine Minderung gerechtfertigt.

Daraufhin wurden zwei verschiedene Formeln entwickelt. Beide sind jedoch kaum anwendbar, da sie sich in wichtigen Details zu vage halten. So wird nicht definiert was ein „erheblicher Schaden“ ist. Zudem rechnen sie mit zu wenigen Faktoren und schließen so zum Beispiel den Veräußerungswert aus, der die Wertminderung verringern könnte.

So kommt es, dass nach Meinung von Experten beide Formeln kaum zur Berechnung verwendet werden können und von uns daher auch nicht angewendet werden.

 

BVSK-Wertminderungsmodell (2003)

Ein erneuter Versuch die merkantile Wertminderung mithilfe einer Berechnung zu vereinheitlichen, startete der Bundesverband der freiberuflichen und unabhängigen Sachverständigen für das Kfz-Wesen e.V (BVSK) im Jahr 2003. Die entscheidenden Faktoren hier sind:

  • Fahrzeugalter
  • km-Leistung
  • Anzahl der Besitzer
  • Zustand
  • Marktgängigkeit
  • Ausstattung

Schnell erkennt man, dass bis dahin nur der Wert vor dem Unfall gegeben ist. Der Sachverständige klassifiziert im nächsten Schritt den Schaden, wobei nur die tatsächliche Beschädigung betrachtet wird und Größen wie beispielsweise unterschiedliche Verrechnungssätze, Aufschläge auf Ersatzteile und Verbringungskosten entfallen. Die Wertminderung ergibt sich hier aus dem Wiederbeschaffungswert und der Klassifizierung des Schadens. Die Formel dazu folgendermaßen aus:

BVSK Minderwert Formel (2003)

Die %-Klasse ist der festgestellte klassifizierte Schaden des Gutachters, der M-Wert rechnet die doppelte Marktgängigkeit heraus, die ja im Wiederbeschaffungswert (WBW) auch enthalten ist und der K-Faktor ist ein Korrektur-Faktor für leichte Nutzfahrzeuge und Fahrzeuge mit einem Vorschaden, der bereits repariert ist. Da diese Größe sehr sensibel ist, ist sie ebenfalls vom Erfahrungsschatz des Sachverständigen abhängig.

 

Helmut Zeisberger MFM (2012)

Die aktuellste Berechnungsmethode stammt aus der Feder von Helmut Zeisberger. MFM bedeutet ausgeschrieben Marktrelevanz- und Faktorenmethode. Hier finden die neuesten technischen Entwicklungen bei der Ermittlung des merkantilen Minderwerts Eingang. Es wird insgesamt eine computergestützte und etwas zeitgemäßere Methode vorgestellt, bei der auch rechtliche Gegebenheiten, Marktveränderungen, Besonderheiten des Fahrzeugs und der Entwicklungsstand der Technik berücksichtigt werden.

 

6. April 2016 Robert Maroschik